Les difficiles relations entre les lieux de cultes musulmans et les autorités

rtsCette semaine, des perquisitions ont eu lieu au domicile des deux imams de la Mosquée de Genève. Celle de Winterthour est accusée d’abriter des djihadistes. Les communautés musulmanes ont été appelées à réagir. Elles dénoncent aussi le manque d’appui, dans certains cas, des autorités politiques. Montassar BenMrad est le président de la Fédération des organisations islamiques de Suisse. Pour lui, il faut réagir. Son interview. Ecouter

Neue Luzerner Zeitung: Islamische Dachorganisationen nehmen Schweiz in die Pflicht

TERRORISMUS ⋅ Die Bekämpfung von islamischem Extremismus ist nach Ansicht des Präsidenten der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) nicht nur eine Aufgabe gemässigter Muslime, sondern auch des Staates. Montassar BenMrad zieht Parallelen zu anderen Extremisten.

Ähnlich wie „bei Hooligans und gewalttätigen links- und rechtsextremen Gruppen, die auch versuchen, Jugendliche zu verführen“, habe der Staat auch bei der Bekämpfung des islamischen Extremismus eine Aufgabe, sagte BenMrad im Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom Mittwoch.
Muslimische Verbände und Moscheevereine leisteten Jugendarbeit, um zu verhindern, dass junge Menschen von radikalen Gruppen manipuliert werden, sagte er weiter. „Aber wenn sich jemand bewusst von der Gemeinschaft abkapselt, ist es schwierig, einen Zugang zu finden.“
Der Waadtländer mit tunesischen Wurzeln, der im vergangenen Sommer Präsident der Föderation wurde, ruft dazu auf, die „Relationen zu wahren“. „Pro Jahr ziehen in der Schweiz 1,5 Personen pro 100’000 Muslime in den Krieg nach Syrien oder in den Irak“, sagte er. Jeder sei zwar einer zu viel, doch die Gesamtgesellschaft habe wohl einen grösseren Anteil an Geisteskranken.

Spiel mit dem Feuer

BenMrad warnt auch davor, nun „die Muslime zu stigmatisieren“. Das könne dazu führen, dass sich ein Teil der Jugendlichen erst recht von der Gesellschaft ausgegrenzt fühle und sich deshalb radikalisiere. „Wer nun aus politischem Kalkül vor einer muslimischen fünften Kolonne warnt, spielt mit dem Feuer.“
Auf die Frage, ob Anschläge wie in Paris auch in der Schweiz passieren könnten, sagte BenMrad, es bestehe zwar immer ein Risiko. „Aber die Schweiz und Frankreich unterscheiden sich grundlegend.“

Er verweist darauf, dass die Schweiz keine koloniale Vergangenheit hat und nicht in Kriege mit muslimischen Ländern verwickelt ist. Ausserdem hätten muslimische Jugendliche in der Schweiz eine Perspektive: „Die Integration funktioniert hier deutlich besser.“
Die Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) hat die Anschläge von Paris als „abscheuliche und feige terroristische Attacken und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ aufs Schärfste verurteilt. (sda) Link Neue Luzerner Zeitung

 

Paroles fortes de musulmans à Genève

Attentats de Paris Face à la gravité de la situation, des musulmans réagissent.

Après l’immense choc et face à la gravité de la situation, il faut trouver les mots. Des musulmans genevois, romands, suisses, s’expriment.

«Celui qui tue une personne, c’est comme s’il avait tué toute l’humanité; s’il sauve une vie, c’est comme s’il avait sauvé toute l’humanité.» Cet extrait du Coran est rappelé en préambule d’un communiqué de la Fédération des organisations islamiques de Suisse (FOIS), qui a regroupé 250 associations et centres musulmans pour «condamner avec la plus grande fermeté ces attaques lâches et aveugles et ce crime abject contre notre humanité». Cette prise de position a son importance: «C’est la première fois en Suisse qu’autant de fédérations cosignent une déclaration», souligne son président, le Vaudois Montassar BenMrad.

«Dans ce genre de situation, nous devons nous montrer unis, citoyens, musulmans et non musulmans, pour défendre nos valeurs communes.» C’est aussi pour cette raison que Celil Yilmaz, secrétaire général de l’ONG Conseil justice égalité et paix, spécialisée dans la lutte contre les discriminations et le racisme, tient à s’exprimer. «Les organisations et associations musulmanes doivent faire le nécessaire pour dire non au terrorisme, rappeler que ce n’est pas l’islam, le dire haut et fort pour éviter les amalgames et la récupération politique. Cela fait mal de se justifier, mais on doit le faire.» Parler pour éviter que l’on interprète mal le silence.

Autre façon d’aborder le sujet sensible, celle choisie par le Genevois Hasni Abidi, qui a bousculé hier le programme de son cours sur la géopolitique du Moyen-Orient, donné à l’UNIGE. «On va essayer de parler de manière distanciée des événements survenus à Paris», lance-t-il devant une trentaine de personnes. Au-delà du choc, le débat porte sur l’origine de la radicalisation. «Cela fait des années que les choses couvent en France. La misère dans les banlieues, les jeunes sans avenir à qui l’on demande d’être Français sans leur en donner les moyens. Aujourd’hui, ils suivent Daech, mais cela pourrait être autre chose», réagit un étudiant. L’intervention militaire? «Cela ne peut que renforcer les arguments des djihadistes», estime une jeune femme. Sommes-nous en guerre? interroge Hasni Abidi. Les avis sont partagés. Pour le directeur du Centre d’études et de recherche sur le monde arabe et méditerranéen, «la guerre ne date pas du 13 novembre, mais a commencé avec les attaques de la France en Irak et en Syrie». L’analyste estime qu’«il ne faut pas commettre les erreurs du passé et suivre le modèle des Américains».

A 12 h pile, Hasni Abidi prie l’auditoire d’observer une minute de silence. «Elle n’est pas sélective et rend hommage à toutes les victimes du fanatisme, à Paris et ailleurs.» (TDG) Lien TDG

 

NZZ: «In der Schweiz haben Muslime Perspektiven»

Montassar BenMrad, Präsident des wichtigsten Muslimverbandes, über religiösen Terror, die Flüchtlingswelle und die grosse Integrationsleistung der Schweiz.

Herr BenMrad, was haben die jüngsten Anschläge in Paris mit dem Islam zu tun?

Eine radikalisierte Gruppe, die wie eine apokalyptische Sekte funktioniert, hat diese Anschläge verübt. Sie behaupten zu Unrecht, dass sie dies im Namen des Islams tun. Für die Muslime ist klar, dass die Anschläge nichts mit der Religion zu tun haben. Ich zitiere aus dem Koran: «Wer einen Menschen tötet, dann ist es als hätte er die ganze Menschheit getötet. Und wer einem Menschen das Leben rettet, dann ist es, als hätte er die ganze Menschheit gerettet.» Mehr als 250 islamische Gemeinschaften der Schweiz stehen hinter dem Communiqué der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz, in dem wir diese abscheulichen und feigen Attacken aufs Schärfste verurteilen.

Ein Teil der Muslime findet, sie müssten sich nicht vom Terror distanzieren, weil sie mit diesem rein gar nichts zu tun hätten, so argumentiert auch der sogenannte Islamische Zentralrat. Ist das eine legitime Position?

Darüber haben wir intern auch eine Debatte geführt, ich verstehe diese Haltung. Aber in einer solchen Situation genügt das nicht. Wir müssen an unsere Position erinnern, sonst geraten wir unter Verdacht, Sympathien für die Terroristen zu hegen. Solange es solche Vorfälle gibt, müssen wir sie auch klar und deutlich verurteilen.

Kann auch in der Schweiz passieren, was in Paris passiert ist?

Ein Risiko besteht immer. Aber die Schweiz und Frankreich unterscheiden sich grundlegend. Frankreich hat eine kolonialistische Vergangenheit und führt heute Kriege in mehreren muslimischen Ländern. Die Schweiz hingegen ist bekannt für ihr Friedensengagement. Hinzu kommt, dass die muslimischen Jugendlichen in der Schweiz eine Perspektive haben. Sie leiden weniger unter Arbeitslosigkeit. Die Integration funktioniert hier deutlich besser.

Ist es für die Schweiz von Vorteil ist, dass die hiesigen Muslime vor allem aus nicht-arabischen Staaten wie Albanien, Bosnien oder der Türkei kommen, wo ein gemässigter Islam gelebt wird?

Man muss sehr aufpassen, wenn man behauptet, dass die Risiken grösser sind, wenn viele Muslime aus dem arabischen Raum stammen. Man darf keinen Teil der Muslime unter Generalverdacht stellen. Radikale Gruppen versuchen Jugendliche zu rekrutieren, die kaum Wissen über den Islam haben, die oft Verlierer und Kleinkriminelle sind, die auf Identitätssuche sind. Diesen sektenartigen Mechanismus muss man anschauen, statt ethnische Kriterien anzuwenden. Es gibt ja in Frankreich und in der Schweiz auch radikalisierte Konvertiten ohne Migrationshintergrund.

Es sind aber vorwiegend arabischstämmige Männer, die Anschläge verüben.

Das hängt aber vor allem damit zusammen, dass in Frankreich und Belgien die gesellschaftliche Situation junger Muslime schwierig ist. Und viele Migranten dort stammen aus arabischen Ländern.

Auch in der Schweiz gibt es eine kleine Gruppe von Muslimen, die vom Extremismus des IS fasziniert sind. Haben die muslimischen Verbände Instrumente, um solche Menschen ausfindig zu machen?

Man muss die Relationen wahren. Pro Jahr ziehen in der Schweiz 1,5 Personen pro 100’000 Muslime in den Krieg nach Syrien oder in den Irak. Jede einzelne davon ist natürlich eine zu viel. Aber wir haben wohl in der Gesamtgesellschaft einen höheren Anteil an Menschen, die geisteskrank sind.

Heisst das, die muslimischen Gemeinschaften können nichts dagegen ausrichten?

Junge Menschen werden manipuliert, radikale Gruppen entfremden sie von ihren Familien, ihren Freunden und sogar von den Moscheen, um mehr Einfluss auf sie ausüben zu können. Die Leute, die sich so verführen lassen, sind oft jene, die kein tieferes Verständnis des Islams haben. Die muslimischen Verbände und Moscheevereine leisten viel Jugendarbeit, um solche Entwicklungen zu verhindern. Aber wenn sich jemand bewusst von der Gemeinschaft abkapselt, ist es schwierig, einen Zugang zu finden. Die Bekämpfung des Extremismus ist deshalb nicht nur eine Aufgabe des Muslime, sondern auch des Staates – ähnlich wie bei Hooligans und gewalttätigen links- oder rechtsextremen Gruppen, die auch versuchen, Jugendliche zu verführen.

In der Schweiz funktioniert das Zusammenleben mit den Muslimen bisher relativ gut. Was muss getan werden, damit die Situation so bleibt?

Wir brauchen eine vereinigte Front gegen Terror und Gewalt. Wir sind ein Teil dieser Gesellschaft, das hat Angela Merkel zu Recht unterstrichen. Wir alle zusammen stehen gegen die Barbarei. Das heisst auch, dass es gefährlich ist, nun die Muslime zu stigmatisieren. Das kann dazu führen, dass sich ein Teil der muslimischen Jugendlichen von der Gesellschaft ausgegrenzt fühlt und sich deshalb radikalisiert. Wer nun aus politischem Kalkül vor einer muslimischen fünfte Kolonne warnt, spielt mit dem Feuer.

Fürchten Sie eine politische Verhärtung oder gar Anschläge auf muslimische Einrichtungen?

Solche Sachen sind in den letzten Tagen bereits geschehen, ich möchte das jetzt aber nicht weiter kommentieren. Viele Leute, die sich islamfeindlich äussern, merken nicht, dass die Muslime, die hier leben, nicht Teil des Problems sind, sondern der Lösung. Es braucht eine kollektive Anstrengung, wir dürfen uns nicht von den Extremisten auseinander dividieren lassen. Dazu gehört auch der interreligiöse Dialog.

Das Schweizer Stimmvolk wird über ein Verhüllungsverbot abstimmen. Mit welchen Gefühlen schauen Sie dieser Debatte entgegen?

Das ist wie bei den Minaretten: Es geht bei dieser Initiative um ein Thema, das praktisch nichts mit der Lebenswirklichkeit der hiesigen Muslime zu tun hat. Nur ganz wenige Musliminnen, die hier leben, tragen einen Niqab. Ich sehe ein grosses Risiko, dass es auf eine Symbolabstimmung hinausläuft, auf ein Votum für oder gegen den Islam und die Muslime. Ich frage mich, wo das enden soll: Als nächstes kommt das Kopftuch – und dann? Die Initiative führt zu einer weiteren Diskriminierung der Muslime und spielt damit letztlich nur den radikalen Kräften innerhalb des Islams in die Hände.

Im Zuge der aktuellen Flüchtlingswelle kommen viele Muslime in die Schweiz, die Zahl dürfte noch zunehmen. Als wie gross schätzen Sie die Gefahr ein, dass sich auch einzelne Terroristen unter die Flüchtlinge mischen?

Wir müssen aufpassen, dass wir nicht alles vermischen und muslimische Flüchtlinge unter Generalverdacht stellen. Wir sprechen von Menschen in einer Notsituation, die Jahre des Kriegs hinter sich haben, die Familienangehörige und all ihren Besitz verloren haben. Wir können die höchsten Mauern um unsere Länder bauen: Wenn ein Verrückter ein Attentat verüben will, wird er immer Wege finden.

Könnten Flüchtlinge aus muslimischen Ländern nach ihrer Ankunft in der Schweiz von radikalen Islamisten angeworben werden?

Das würde mich extrem verwundern. Wieso sollte ein Flüchtling aus Syrien ein Interesse haben, dorthin zurückzukehren und für die Islamisten zu kämpfen? Die allermeisten sind ja gerade vor dem sogenannten Islamischen Staat geflohen, der dafür verantwortlich ist, dass ihre Angehörigen getötet und ihre Häuser zerstört wurden.

Können die hiesigen Muslimverbände einen Beitrag leisten, damit jene Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan, die in der Schweiz bleiben werden, möglichst rasch integriert werden?

Ja, durchaus. Ich spüre unter den hiesigen Muslimen eine grosse Solidarität mit den Flüchtlingen, über alle ethnischen und konfessionellen Grenzen hinweg. Ich kenne mehrere Muslime, die ehrenamtlich Hilfe leisten. Bis jetzt fehlt es jedoch oft an den finanziellen Ressourcen, um es professionell zu machen. Es wäre deshalb wünschenswert, wenn mehr muslimische Verbände öffentliche Mittel erhalten würden für Projekte, die der schnelleren Integration von Migranten dienen. Link NZZ

 

 

 

Pressemitteilung zu den terroristischen Attentaten in Paris

«Wer einen Menschen tötet, dann ist es als hätte er die ganze Menschheit getötet. Und wer einem Menschen das Leben rettet, dann ist es, als hätte er die ganze Menschheit gerettet.» 

Koran 5, Vers 32

 (Download PDF Pressemitteilung Deutsch und Französisch)

Winterthur, 14.11.2015

Mit tiefer Trauer haben wir von den terroristischen Attentaten in Paris erfahren, welche Frankreich und unsere europäische Gesellschaft erschüttert haben. Die FIDS verurteilt aufs Schärfste diese abscheulichen und feigen terroristischen Attacken und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Unser aufrichtiges Beileid geht an die Familienangehörigen der unschuldigen Opfer und deren Nahestehenden. Den Verletzten drücken wir unser tiefstes Mitgefühl aus.

Aufgrund dieser Ereignisse nehmen die Angst und der Zorn leider zu. Wir wollen den erarbeiteten und wertvollen sozialen und religiösen Frieden in der Schweiz weiter fördern. Wir müssen den Dialog mit allen verstärken, um die kollektive Sicherheit sicher zu stellen. Umso mehr muss unsere Gesellschaft zusammenstehen, um gegen dieses terroristische Unwesen vorzugehen, egal ob deren Ziele politisch sind oder fälschlicherweise im Namen einer Religion.

Die FIDS und die Dachverbände die sie unterstützen, werden in Zusammenarbeit mit unseren politischen und religiösen Partnern ihre Bemühungen für das gemeinsame Zusammenleben sowie den sozialen und religiösen Frieden weiter verstärken.
(Unterzeichnende Organisationen auf der nachfolgenden Seite).

Medienkontakt:
Deutsch: Önder Günes, 079 223 3345
Französisch: Pascal Gemperli, 078 892 8582